Die heiligen Engel in der heiligen Schrift - Teil 8
Sept. 2007
 
Die hl. Engel im Leben des hl. Joseph
Nachdem wir im vergangenen Rundbrief die Rolle der hl. Engel im Leben der heiligen Jungfrau Maria betrachtet haben, wollen wir heute die hl. Engel im Leben ihres Bräutigams, des hl. Josef betrachten.
Der hl. Joseph, der «gerechte Mann» aus dem königlichen Geschlecht Davids, der schlichte Handwerker, der Mann des Schweigens, von dem uns kein einziges Wort in den Evangelien überliefert ist, er wurde - was viel zu wenig beachtet wird -
mehrmals einer Engelsvision gewürdigt.

Er war der gewissenhafte und gehorsame Erfüller des Willens Gottes, von dem in den Berichten über die Kindheit Jesu bei Matthäus und Lukas nur dort die Rede ist, wo Jesus und Maria, die beiden heiligsten Personen, die ihm anvertraut wurden, in Gefahr waren in ihrer Ehre oder in ihren Leben.

Die
erste Engelvision hatte der hl. Joseph, als er feststellen musste, dass seine Braut ein Kind erwartete. Er hatte sich mit Maria verlobt, sie aber noch nicht feierlich in sein Haus eingeführt. Die Verlobung kam damals rechtlich einer Heirat gleich und gab dem Mann alle ehelichen Rechte. Ein Treuebruch der Braut während dieser Zeit galt als Ehebruch und wurde als solcher auch bestraft. In einem solchen Fall konnte der Bräutigam sich nicht anders von seiner Braut lossagen als dadurch, dass er wie ein Ehemann seiner Ehefrau einen Scheidebrief gab. In dieser Zeit zwischen Verlobung und feierlicher Heimführung bemerkte nun Joseph, dass Maria ein Kind erwartete. Welch furchtbare Enttäuschung für einen jungen Mann, der seine Braut geliebt und für rein und heilig gehalten hat! Der Himmel schien ihm einzustürzen. Einen Augenblick lang stand dunkel vor seiner Seele der Verdacht: Hat sie mich hintergangen und mir die Treue gebrochen? Aber Joseph konnte und wollte es nicht glauben. Er sah sich vor ein furchtbares Dilemma gestellt: Auf der einen Seite stand die Tatsache, dass Maria Mutter eines werdenden Kindes ist, das nicht sein eigenes ist. Das Gesetz gebot, eine Ehebrecherin anzuzeigen. Ehebruch aber wurde mit dem Tod durch Steinigung bestraft (vgl. Deut 22,23-24). Auf der anderen Seite konnte Joseph unmöglich den Glauben an die Unschuld seiner Braut aufgeben. Nichts, gar nichts in ihrem Benehmen wies nämlich auf eine Schuld hin. Pflicht und Liebe stritten im Herzen Josephs miteinander. Das Gesetz verlangte: «Du musst sie anzeigen!» Die Stimme des Herzens aber sagte: «Nein, sie ist unschuldig!» Eine furchtbare Lage, eine schreckliche Situation! Was sollte er tun?

In der Lösung, die Joseph fand, zeigt sich seine wahre Charaktergröße: In diesem Augenblick trat zutage, was in dem einfachen Handwerker steckte: ein Edelmann durch und durch. Er ging nicht zu Verwandten und Bekannten, um sich mit ihnen zu besprechen. Nein, in ehrfürchtigem Schweigen bewahrte er alles in seinem Herzen. Er war bereit auf Maria zu verzichten und ihr einen Scheidebrief ausstellen, darin aber den Grund der Entlassung verheimlichen. «
Da Joseph, ihr Mann, gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, entschloss er sich, sie in aller Stille freizugeben» (Mt 1,19).

Da war es nun ein
Engel, der Joseph in einem Traum darüber aufklärte, was mit Maria geschehen war: «Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Braut, zu dir zu nehmen. Denn was sie im Schosse trägt, stammt vom Heiligen Geist!»(Mt 1,20-21). «Er nahm darauf seine Braut zu sich...»(Mt 1 ,24-25).

Durch seine völlige Selbstübereignung bringt Josef seine hochherzige Liebe zur Gottesmutter zum Ausdruck, indem er mit ihr die Ehe eingeht. Obwohl er beschlossen hatte sich zurückzuziehen, um dem Plan Gottes, der in ihr Wirklichkeit werden sollte, nicht im Wege zu stehen, behält er sie auf die ausdrückliche Anweisung des Engels hin bei sich und respektiert ihre ausschließliche Zugehörigkeit zu Gott.“ (Johannes Paul II., Redemtoris custos, 20.)

Einige Monate später, als das göttliche Kind schon geboren worden war, erschien aufs neue ein
Engel des Herrn dem hl. Joseph im Traum und sagte ihm: «Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, flieh nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes ist daran, nach dem Kind zu fahnden, um es umzubringen» (Mt 2,13). Auch diesmal gehorchte der hl. Joseph sofort: «Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter bei Nacht und floh nach Ägypten» (Mt 2,14).

In Ägypten blieb der hl. Joseph, bis ihm - wie angekündigt - der
Engel aufs Neue im Traum erschien und ihm auftrug: «Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel, denn die dem Kind nach dem Leben trachteten, sind tot!» (Mt 2,20).

Auf dem Rückweg nach Palästina scheint der hl. Joseph noch eine
vierte Engelserscheinung gehabt zu haben, denn als Joseph erfuhr, dass in Judäa jetzt Archelaus, der Sohn des Herodes, an dessen Stelle als König herrsche, zögerte er mit Recht, dorthin zu ziehen. Wieder dürfte ihm in dieser Situation ein Engel im Traum erschienen sein, der ihm sagte, er solle nach Galiläa ziehen. Diese vierte Engelsvision wird zwar im Matthäus-Evangelium nicht ausdrücklich erwähnt, aber wir dürfen sie aus den Worten: «Er wurde im Traum ermahnt» (Mt 2,22) schließen.

Diese Engelsvisionen waren für den hl. Joseph so klar, dass für ihn dabei jeder Zweifel ausgeschlossen war; er verstand sie und befolgte die erhaltenen Weisungen auf das vollkommenste.

Man könnte hier höchstens fragen:
Warum erhielt der hl. Joseph diese Engelsvision jedes Mal im Traum? Moderne Exegeten machen darauf aufmerksam, dass göttliche Kundgebungen durch innere oder äußere Visionen, aber auch durch Träume in der Hl. Schrift häufig festzustellen sind. Gott kann sich auch durch einen Traum offenbaren.

So erging es dem Patriarchen Abraham: «
Als die Sonne unterging, kam über Abram ein Tiefschlaf: Ein großer Schrecken fiel auf ihn. Da sprach Gott zu Abram: ,Du sollst wissen, dass deine Nachkommen Fremdlinge sein werden in einem Land, das ihnen nicht gehört...« (Gen 15,12ff).

Oder erinnern wir uns an den Patriarchen Jakob mit seinem Traum von der Himmelsleiter. Auch Salomon (vgl. 3 Kön 3,5) und einigen Propheten (vgl. Num 12,6; Dan 1,17) erging es so, dass Gott sich ihnen im
Traum offenbarte. Auch an die berühmten Träume des ägyptischen Joseph dürfen wir hier denken (vgl. Gen 37,5-10).

Warum hielt sich Gott beim hl. Joseph immer an
diese Art der Offenbarung, dass Er ihm durch einen Engel im Traum seine Weisungen erteilen ließ, während vor dem Priester Zacharias, vor der Jungfrau Maria und vor den Hirten auf dem Hirten Feld der Engel Gabriel, beziehungsweise der Weihnachtsengel, im wachen Zustand sichtbar wurde?

Wir können auf diese Frage vielleicht recht gut mit dem hl. Johannes Chrysostomus (4. Homilie zum Matthäusevangelium ) antworten: «
Eine feierlich sichtbare Engelserscheinung war bei Zacharias am Platze, um sein Misstrauen zu beheben, und bei der seligsten Jungfrau Maria wegen der Wichtigkeit der Botschaft, die sie über die Menschwerdung Gottes in ihrem jungfräulichen Schoss erhielt, und schließlich auch bei den Hirten von Bethlehem, um diese schlichten Menschen dazu zu bringen, sich noch in der Nacht zur Krippe des Herrn auf den Weg zu machen. Beim hl. Joseph aber genügte wegen seines starken Glaubens und seiner Bereitwilligkeit, in allem Gottes Willen zu erfüllen, auch die schlichtere Engelserscheinung im Traum. So entsprach es am besten der Bescheidenheit dieses gerechten Mannes, der an ein demütiges, verborgenes Leben gewöhnt war. Wir dürfen überdies nicht vergessen, dass sich die hl. Engel in ihrer übermenschlichen Weisheit der Eigenart der Menschen, zu denen sie von Gott gesandt werden, anzupassen vermögen. So ist Josua, dem großen Heerführer, der Engel in der Gestalt eines Kriegers erschienen (vgl. Josua 5,13ff), dem Tobias aber, der im Begriff stand, eine Reise anzutreten, ist der Engel Raphael in Gestalt eines Wanderers sichtbar geworden (vgl. Tob 5,4ff), dem Priester Zacharias aber habe sich der Engel Gabriel der sakralen Situation, in der sich Zacharias beim Rauchopferaltar befand, angepasst. So hat sich der Engel eben auch dem hl. Joseph, diesem Modell des verborgenen, innerlichen Lebens, angepasst und ist ihm in der Stille einer nächtlichen Traumvision erschienen.