Die heiligen Engel in der heiligen Schrift - Teil 10
März 2008
 
Die hl. Engel im Leben Jesu Christi (2)
Vom verborgenen Leben JESU in Nazareth wissen wir relativ wenig. Es wird nur von der Episode unterbrochen, die erzählt, wie der zwölfjährige Jesus nach den Festlichkeiten in Jerusalem verloren geht und seine Eltern ihn erst nach drei Tagen im Tempel mitten unter den Schriftgelehrten wiederfinden.

Jesus in der Wüste
Mit dem Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu treten auch die Engel wieder ins Blickfeld der Evangelisten. Markus berichtet nach der Taufe Jesu am Jordan: «Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten Ihm.» (Mk 1,12-13) . Markus berichtet es einfach so: die Engel dienten ihm... Wie wenn es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre.

Auch Matthäus berichtet von der siegreichen Abwehr des Teufels am Ende der Versuchung: «Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm.» (
Mt 4,11) .

Die Engel aber werden bereits einige Verse zuvor erwähnt, als der Teufel Jesus mit den Worten zur Eitelkeit verführen will: «Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.» (
Mt 4,6)

Zweifelsohne stehen die Engel ihren Herrn und Meister zum Dienste bereit, aber JESUS weist die Worte des Teufels zurück, ebenfalls mit einem Wort aus der heiligen Schrift: «Du sollst den Herrn deinen GOTT nicht auf die Probe stellen.» (
Mt 4,7; Dtn 6,16)

Darin liegt eine wichtige Mahnung für unser Glaubensleben: Auch wir sind oft in Versuchung, Gott bzw. unseren Schutzengel „auf die Probe zu stellen“. Aber er ist nicht unser Diener. Er ist Diener des Allmächtigen Gottes in der ganzen Freiheit seines Willens. Wenn Gott ihn zum Schutzengeldienst ruft, dann dient er Gott in uns. Darum schaut er auch immer auf Gott - und nur „durch Gott hindurch“ auf uns. Der Engel ist kein „Engelein“ auch kein „Schutzengelein“. Er ist eine machtvolle Persönlichkeit, mit viel größeren Charaktereigenschaften ausgestattet als wir und uns weit überlegen.

Wir haben kein Recht, unserem Schutzengel zu befehlen und womöglich beleidigt zu sein, wenn er nicht tut, was wir wollen, denn er dient dem Willen Gottes und nicht unserem Willen. Wir müssen Ehrfurcht vor ihm haben, denn er steht vor Gottes Angesicht. Wir dürfen jeden Tag danken, dass Gott uns einen so starken Helfer gegeben hat - und wir sollen hinhorchen auf den Engel, wenn wir ihn lieben.

Jesu Wort über die Kinder
Das kommt auch schön im Wort Jesu über die Kinder zum Ausdruck: Der Herr sagt: «Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.» (Mt 18,10).

Nach der allgemeinen Auffassung der Kirchenlehrer hat nicht bloß jeder getaufte, sondern jeder Mensch von Anbeginn seines Lebens an einen besonderen Schutzengel. Ein Beispiel für die Würde der menschlichen Seele: «Wie groß ist die Würde der Seelen, dass eine jede von Geburt an zu ihrem Schutz einen Engel zugewiesen hat», sagt der hl. Hieronymus (
In Mt III zu 18,10).

Ein großer Theologe unserer Zeit, der Jesuitenpater Jean Galot, sagt dazu:
„Wir müssen diese Warnung Jesu [die Kinder nicht zu verachten] im sozialen Kontext sehen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten haben die Kinder und die einfachen Leute verachtet, weil sie „das Gesetz“ zu wenig kannten. Und Jesus hält ihnen entgegen, dass diese Kleinen, die „Unwissenden“, dank ihrer heiligen Engel eine viel größere Weisheit besitzen als die Gesetzes- und Schriftgelehrten. Und in einem weiteren Kontext sagt der Herr nichts anderes, als dass „wegen ihrer hl. Engel“ jedes menschliche Leben, so armselig es auch zu sein scheint, nicht verachtet werden darf – heute müsste man sogar sagen, nicht zerstört werden darf. ( Jean Galot,
Guardians given to accompany us, in L‘Osservatore Romano, Weekly Edition in English, 1 October 1997, p. 4. Übersetzung und Zusammenfassung vom Verfasser)

Ein anderer großer Gelehrter unserer Zeit, Romano Guardini, hat zu dieser Stelle folgendes geschrieben: « Jesus hat mit dieser Warnung nichts anderes gesagt als: Wenn du in böser Absicht auf ein Kind zugehst, wisse, du triffst nicht nur auf ein hilfloses Geschöpf, sondern hinter ihm steht der Engel und schützt es. Auf die Frage aber, worin die Macht des Engels bestehe, lautet die Antwort: Er sieht allezeit das Antlitz des Vaters“. Der Engel ist „im Himmel“...und Gottes Heiligkeit ist um ihn. Was du also dem Kinde tust, trifft da hinein. Wehe dir, wenn du ihm zu nahe trittst. Der Engel schweigt. Scheinbar geschieht nichts. Dein Haus brennt nicht ab, ... dein Wagen verunglückt nicht. Aber alles ist in der Allwissenheit Gottes aufgehoben, und einmal wirst du innewerden, was für einen Gegner du dir geschaffen hast, als du den Engel des Kindes gegen dich aufriefst.» ( Romano Guardini,
Engel – Theologische Betrachtungen, 30.)

Jesus verwendet hier auch den Ausdruck «„ihre Engel... sehen stets das Angesicht meines Vaters im Himmel“. Ihre Engel! Er sagt damit, dass die Engel in gewisser Weise zu ihnen gehören, sie durch ihr ganzes Leben begleiten. Der Begriff Schutzengel ist da fast ein wenig zu kurz gefasst. Die Aufgabe der Engel geht weit über den „Schutz“ hinaus. Sie sollen ihrem Schützling helfen, an das Ziel seines Lebens zu gelangen, nämlich auch das Angesicht des himmlischen Vaters im Himmel zu schauen.» ( Galot, ebd.)

Bedenkenswert sind die beiden folgenden Zitate:
„Nicht jeder, der von einem Engel erleuchtet wird, erkennt, dass er von einem Engel erleuchtet wird.“ sagt Thomas von Aquin in seiner Summa Theologiae (I, 111, I ad 3) . Manche Erleuchtungen gehen also möglicherweise, ohne dass wir es ahnen, auf unseren Schutzengel zurück.

Von Jeanne d‘Arc, die, wie wir wissen, ihre eigene Sendung, gegen den „großen Jammer“ Frankreichs zu kämpfen, auf den „Monsieur Saint Michel“ zurückführte, wird das Wort überliefert: „Die Engel kommen oft zu den Christenmenschen, man sieht sie nur nicht. Ich selber habe sie oft bei ihnen gesehen.“

Man kann sich fragen: Was bindet die Engel jeweils an einen bestimmten Menschen? Nur den Auftrag Gottes, der sie dazu sendet? Oder eine tiefere innere Gemeinschaft? Könnte der Schutzengel nicht so etwas wie unser himmlischer Zwillingsbruder sein? So fragt Alois Winklhofer mit Berufung auf Paul Claudel:

„Vielleicht ist es so, dass nicht bloß jeder Mensch einen, sondern seinen Schutzengel hat, der ihm ganz persönlich und individuell zugeordnet ist; vielleicht auf Grund einer geheimen Verwandtschaft, die gerade zwischen ihm und jenem Engel besteht. Wäre es nicht denkbar, anzunehmen, dass jeder Mensch irgendwie nach dem Bild eines Engels, dessen, der ihm dann zu seinem Schutze beigegeben wird, geschaffen ist?“ (A. Winklhofer,
Die Welt der Engel, 87f.)

Tatsächlich hat Gott von Ewigkeit her bei seiner Erschaffung, Begnadigung und Verherrlichung „meines Engels“ auch an mich gedacht. Durch ihn lässt er mir das göttliche Licht zukommen, damit ich nach dem Abbilde Christi „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ umgewandelt werde (vgl. 2
Kor 3,18) . Diesem bestimmten Abbilde Christi, das ich zu werden bestimmt bin, ist wohl mein Engel am ähnlichsten, denn er vermittelt mir mein Leben lang das göttliche Licht genau gemäß seiner persönlichen Prägung in der göttlichen Gnade. (Vgl. Hl. Johannes vom Kreuz, Dunkle Nacht der Seele. Buch II, kap. 12,3) . Demzufolge werden wir –menschlich ausgedrückt– wie zwei Zwillingsbrüder vor dem Thron Gottes in der Herrlichkeit erscheinen, wo wir, nach der Aussage hl. Thomas von Aquin, nebeneinander in alle Ewigkeit mitherrschen werden. (Vgl. Hl. Thomas von Aquin , Summa Theologiae Iª q. 113 a. 4 co. “Quando autem [homo] iam ad terminum viae pervenerit, iam non habebit Angelum custodem; sed habebit in regno Angelum conregnantem.”)

Bekenntnis für Jesus
Ein weiteres Wort Jesu über die hl. Engel findet sich dort, wo er von dem für Ihn abgelegten Bekenntnis spricht: «Ich sage euch: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch vor den Engeln Gottes verleugnet werden.» (Lk 12,8-9)

Es muss etwas Großes um die Engel sein, wenn Jesus sich „vor den Engeln“ zu uns bekennt. Nicht vor den Heiligen, nicht vor den Aposteln, „vor den Engeln“ wird Jesus sich zu uns bekennen als Gegenstück dafür, dass wir ihn vor den Menschen bekannt haben. Als wollte Jesus sagen: Ihr beide, Engel und Mensch, ihr seid mir in eurem, wenn auch sehr verschiedenen Kampf, treu geblieben.