Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
Dezember 2011

Teil 4: Das Gebet Jesu am Ölberg und der Verrat Jesu

Die Feier der PASSIO DOMINI am Donnerstag Abend (Ölbergstunden) und am Freitag Nachmittag (oder wenn nicht anders möglich ebenfalls am Abend - Kreuzesstunden) steht für die Mitglieder des "Werkes der heiligen Engel" ganz in der Grundrichtung der Sühne. Mit der Hilfe der hl. Engel lernen die Mitglieder des OA, die Größe der Erlösungstat CHRISTI immer besser zu erfassen, sich bewusster in die Kreuznachfolge unseres Herrn JESUS CHRISTUS zu stellen und sich fürbittend und sühnend für das Heil der Seelen einzusetzen. Im OA setzt GOTT die hl. Engel und die Menschen zur Rettung ein, weil die Not dieser Zeit vor allem eine geistige, eine Glaubensnot ist, und der Engel in seiner GOTTESschau unseren Willen und unsere Kräfte am besten lenken und stärken kann. Die Sühne steht deshalb in der Mitte des Werkes, denn die Bereitschaft zum Opfer muss von innen her kommen.

Wir stehen in den Stunden der PASSIO DOMINI ein für die Not der hl. Kirche, für die bedrängten Priester, für die Gefährdeten, zum Teil geistig gespaltenen und darum erkalteten GOTTgeweihten. Wir stehen ein für die Not der Menschen und der ganzen Welt. Besonders die Kranken dürfen ihre Schmerzen und ihre Leiden in die goldene Schale für die Kirche legen (vgl. Kol 1,24).

Am Donnerstagabend halten wir nach Möglichkeit eine Heilige Stunde und verweilen in Anbetung, Betrachtung und Fürbitte, um wenigstens eine Stunde mit Ihm zu wachen (vgl. Mt 26,40), Der am Ölberg den Kelch aus den Händen des VATERS entgegennahm (vgl. KKK 612).

Fast drei Stunden war der Herr am Ölberg allein. Er hat in dieser Zeit den ganzen Abfall der Menschen von GOTT sehen müssen, ihre ganze Untreue, dieses "non serviam - ich will nicht dienen". Wie Qualm steigt hinter der bitteren Wahrheit der Schwäche der Seinen das Millionenheer des Widersachers auf. Er sieht es hineinsteigen in das Haus GOTTES, das Er doch gereinigt hat und immer noch durch die Seinen ausschmücken wird. Und die Hölle bricht immer wieder ein und haust darin.

Todesangst

Wir können uns die Not und die Todesangst des Herrn rein menschlich kaum vorstellen. Wir können sie rein intellektuell kaum oder gar nicht verstehen oder durchdringen. Eine solche Not, eine solche Angst, dass es Ihm das Blut durch die Poren treibt. JESUS war am Ölberg GANZ GOTT, in der vollen göttlichen Erkenntnis, zu welchem Leid Er Ja sagt, wenn Er den Kelch annimmt, den der VATER Ihm reicht. JESUS war aber auch GANZ MENSCH, Den diese Erkenntnis so sehr erschütterte und mit Angst erfüllte, dass Er quasi in Agonie verfiel, dass Er vor Todesangst Blut zu schwitzen begann. Eine Dunkelheit und bedrängende Furch umgab Ihn, die wir menschlich in Worten nicht ausdrücken können. Ein geistiger Kampf, dessen Ausmaß wir nie erfassen werden. Ein Kampf, den der Herr in Gehorsam aus Liebe gewonnen hat:

"VATER, wenn Du willst, nimm diesen Kelch von Mir! Aber nicht Mein, sondern Dein Wille soll geschehen. Da erschien Ihm ein Engel vom Himmel und gab Ihm (neue) Kraft. Und Er betete in seiner Angst noch inständiger, und Sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte." (Lk 22, 42-44)

Wenn wir am Donnerstag Abend vor dem Tabernakel knien oder im stillen Kämmerlein beten, so versetzen wir uns im Geist tief hinunter in dieses Dunkel des Ölberges. Dort, im Geiste ganz allein können wir beten: "Herr, verzeih mir selber, wenn ich oft Deiner Todesangst zu wenig gedacht habe!"

Und, da der Herr diese Angst freiwillig zur Sühne auf sich genommen hat, dürfen wir auch beten für alle von Angst Gequälten und in Todesangst Leidenden:

Mein GOTT, wie ist diese Dunkelheit bedrängend, hilf, ich bitte Dich, allen Heimatlosen, die in der Qual der Ausweglosigkeit fast zugrunde gehen. Hilf allen Flüchtlingen, die vielleicht jetzt mit einem Kind auf der Schulter knietief im Wasser stehen und nicht wissen, ob sie in dieser Nacht lautlos das rettende andere Ufer erreichen können. Hilf allen, o Herr, die verzweifelt durch Angst oder eine Enttäuschung über die Brücke ins Wasser springen! Hilf allen, die heute Nacht verunglücken und vielleicht stundenlang ohne Hilfe liegen müssen. Sende Deine Engel den Verfinsterten, die auf Verrat, Raub und Mord sinnen.

Agonie - Geistiger Kampf

Die Todesangst des Herrn ist nicht lediglich "pädagogisch" zu erklären. JESUS hat gelitten um uns zu erlösen und nicht (nur) um uns ein Beispiel zu geben, wie wir uns in Angst, Not oder geistiger Bedrängnis verhalten sollen. Und dennoch dürfen wir annehmen, dass die Evangelisten, die uns dieses Geschehen übermittelt haben, auch dieses Ziel (mit)verfolgten. In den Evangelien können die Erzählung einer Tatsache und der Aufruf zur Nachahmung nicht voneinander getrennt werden. "CHRISTUS hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt", sagt der heilige Petrus (1 Petr 2,21).

Das Wort "Agonie", das von JESUS in Getsemani ausgesagt wird (vgl. Lk 22,44), sollte in seinem ursprünglichen Sinn als "Geistiger Kampf" verstanden werden. Es ist ein "Kampf mit GOTT". Es ist das Ringen um den Willen GOTTES. Auch JESUS hat als Mensch diese Agonie erlebt und mit dem Willen des VATERS gerungen: "nimm diesen Kelch von mir!" (Lk 22,42)

Die Bibel zeigt uns einen anderen Bereich des Ringens mit GOTT im Gebet, und es ist sehr aufschlussreich, die beiden Begebenheiten miteinander zu vergleichen. Es handelt sich um den Kampf Jakobs mit GOTT (vgl. Gen 32,23-33). Auch die Umstände sind ähnlich.

  • Der Kampf Jakobs trägt sich in der Nacht zu, jenseits des Baches Jabbok.
  • Auch JESU Kampf erfolgt nachts, jenseits des Baches Kidron.
  • Jakob bringt Sklaven, Frauen und Kinder ans andere Ufer und bleibt allein zurück.
  • JESUS entfernt sich von den letzten drei Jüngern, um zu beten.

Aber warum ringt Jakob mit GOTT? Hier steckt die große Lektion, die uns erteilt wird. "Ich lasse dich nicht los", sagt er, "wenn du mich nicht segnest", das heißt, ich gebe nicht auf, bist du mir das Heil versprichst. Jakob ist überzeugt, dass er mit dem Segen GOTTES seinen Bruder Esau, der ihn verfolgt, besiegen kann. Und GOTT segnet ihn.

  • Jakob kämpft also, damit sich GOTT seinem Willen beugt;
  • JESUS kämpft, damit sich sein menschlicher Wille GOTT beugt. Sofort taucht die Frage auf: Wem sind wir gleich, wenn wir in Schwierigkeiten, Angst und Not beten?
  • Wir ähneln Jakob, wenn wir im Gebet ringen, um GOTT zu veranlassen seinen Willen zu ändern, anstatt uns selbst zu ändern und seinen Willen anzunehmen. Es liegt uns näher darum zu beten, dass GOTT das Kreuz von uns nehme, statt um die Gnade zu bitten, es mit Ihm zu tragen.
  • Wir ähneln JESUS, wenn wir danach streben, uns dem Willen des VATERS in Liebesgehorsam hinzugeben. Wenn man in diesem Gebet ausharrt, geschieht manchmal etwas Merkwürdiges, und es ist gut, das zu wissen. Die Rollen vertauschen sich: GOTT wird plötzlich zu demjenigen, der bittet, und wir zu demjenigen, der gebeten wird.

Oft beginnen wir im Gebet GOTT um etwas Bestimmtes zu bitten. Je länger wir beten, umso mehr stellen wir nach und nach fest, dass GOTT es ist, Der uns seine Hand entgegenstreckt, um uns um etwas zu bitten. Wir wollten Ihn bitten, uns jenen Stachel aus dem Fleisch (vgl. 2 Kor 12,7) zu nehmen, jenes Kreuz, jene Prüfung, uns von jener Aufgabe zu befreien, von jener Situation, von der Nähe jener Person... Und genau in diesem Punkt geschieht es, dass GOTT uns bittet, jenes Kreuz, jene Situation, jene Aufgabe, jene Person anzunehmen. Ein Gedicht von Tagore möge uns helfen zu verstehen, worum es geht. Ein Bettler erzählt von seiner eigenen Erfahrung, die wir so wiedergeben könnten:

Ich ging den Dorfweg entlang, von Tür zu Tür, und bettelte, als in der Ferne eine goldene Kutsche erschien. Es war die Kutsche des Königssohnes. Ich dachte: Das ist die Gelegenheit meines Lebens, und ich setzte mich - den Beutel weit geöffnet - und wartete, dass mir jener Almosen geben würde, ohne dass ich auch nur darum bat; ja mehr noch, dass um mich herum die Reichtümer wie Regen auf die Erde fielen. Aber wie groß war doch meine Überraschung, als die Kutsche in meiner Nähe hielt, der Königssohn ausstieg, die Hand ausstreckte und mich fragte: "Was möchtest du mir geben?" Welch königliche Geste war es, deine Hand auszustrecken! Verlegen und zögernd nahm ich ein einziges Reiskorn aus dem Sack, das kleinste von allen, und reichte es ihm. Wie traurig war es jedoch, als ich am Abend meinen Beutel durchstöberte und ein goldenes Reiskorn fand - aber nur ein einziges, das kleinste. Ich weinte bitterlich, dass ich nicht den Mut gehabt hatte, alles zu geben (Tagore, Gitanjali, 50).

Das erhabenste Beispiel eines solchen Rollentausches ist das Gebet JESU in Getsemani. Er bittet den VATER, dass er den Kelch von Ihm nehmen möge, und der VATER bittet Ihn, dass Er ihn zur Erlösung der Welt trinken möge. JESUS gibt nicht nur einen, sondern alle Tropfen seines Blutes, und der VATER entlohnt Ihn dafür, indem Er Ihn - als Mensch - zum Herrn macht, so dass "jetzt ein einziger Tropfen jenes Blutes ausreicht, um die gesamte Welt zu erlösen" (Thomas von Aquin).