Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
Dezember 2012

Teil 8: JESUS vor dem Hohen Rat

"Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten? Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen." (Joh 11,50)

Im letzten Rundbrief haben wir gesehen, dass sich die Feier der wöchentlichen Passio Domini im Werk der hl. Engel besonders in den drei Ölbergstunden donnerstags von 21.00 bis 24.00 und in den drei Kreuzesstunden freitags von 12.00 bis 15.00 vollzieht. Das sind die beiden großen Pole, zwischen denen sich die ganze Passio Domini, auch die 12 Stunden zwischen Ölberg und Kreuzweg vollziehen. Dazu gehören ebenso die beiden "Prozesse" vor dem Hohen Rat - der jüdischen, religiösen Autorität - und vor dem Statthalter Pontius Pilatus - der römischen, weltlichen Autorität. In diesen beiden Prozessen offenbart sich für uns viel über die ungerechte Verurteilung JESU und sein Leiden und Sterben am Kreuz. Die Betrachtung dieser beiden Prozesse, so wie das Evangelium sie uns überliefert, lässt uns besser verstehen, wie es zur ungerechten Verurteilung des unschuldigen Herrn kommt, denn JESUS selbst offenbart uns durch seine Haltung und seine Worte viel über sein Sühneleiden und seinen Sühnetod am Kreuz.

Verhör durch den Hohen Rat und den Hohepriester Kajaphas

Im Markusevangelium heißt es: "Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um Zeugenaussagen gegen JESUS, um ihn zum Tod verurteilen zu können; sie fanden aber nichts. Viele machten zwar falsche Aussagen über ihn, aber die Aussagen stimmten nicht überein. Einige der falschen Zeugen, die gegen ihn auftraten, behaupteten: Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschen erbauten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen errichten, der nicht von Menschenhand gemacht ist. Aber auch in diesem Fall stimmten die Aussagen nicht überein. Da wandte sich der Hohepriester nochmals an ihn und fragte: Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten? JESUS sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben. Und einige spuckten ihn an, verhüllten sein Gesicht, schlugen ihn und riefen: Zeig, dass du ein Prophet bist! Auch die Diener schlugen ihn ins Gesicht." (Mk 14,55-65)

Der Hohe Rat versuchte, Zeugen­aussagen gegen JESUS vorzubringen, "um ihn zum Tode verurteilen zu können" (Mk 14,55). Diese widersprachen sich aber oder hielten nicht stand. Einziges Ziel dieses Verhöres war es, etwas zu finden, das es dem Hohen Rat erlaubte, JESUS zum Tode zu verurteilen. Lange Zeit hing die Tempelrede JESU als Vorwurf in der Luft. Darin hat JESUS angekündigt, "in drei Tagen einen anderen [Tempel zu]errichten" (Mk 14,58), wenn man ihn niederreißen würde. Aber auch hier stimmten die Aussagen nicht überein.

JESUS schwieg zu allen Vorwürfen, so dass der Hohepriester Kajaphas schließlich ungeduldig den Herrn direkt und unmissverständlich fragte, ob er der Messias sei, "der Sohn des Hochgelobten" (Mk 14,61).

Im Mattäusevangelium erhält diese Frage einen besonderen Akzent: "Bist du der Messias, der SOHN GOTTES selbst?" Matthäus möchte hier an das Messiasbekenntnis des Petrus in Cäsarea Philippi erinnern. Zur selben Zeit, als Petrus - der den Herrn als den SOHN GOTTES bekannt hat (Mt 16,16) - vor den Toren des Hohen Rates genau dieses Bekenntnis drei Mal verleugnet, bekennt JESUS sich dazu. Damals, in Cäsarea Philippi haben "nicht Fleisch und Blut" aus Petrus gesprochen, sondern der VATER im Himmel hat es ihm geoffenbart. Hier, in der Nacht des Verrates, sprechen nur noch "Fleisch und Blut" aus ihm (vgl. Mt 16,17).

Nach Markus hat JESUS die Frage des Hohepriesters, die Frage, an der sein weiteres Schicksal hing, klar und deutlich beantwortet. "ICH bin es". Und JESUS fügt einen Satz hinzu, der seinen Messiasanspruch noch präzisiert: "Ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen" (Mk 14,62).

Verurteilung und Beschluss des Hohen Rates

JESUS liefert sich mit diesem Wort selbst aus und spricht das Urteil über sich selbst. Genauso wie Er es später vor Pilatus tun wird, wenn Er sich dazu bekennt, ein König zu sein. Die Verurteilung und folglich das Leiden und Sterben JESU ist kein Scheitern seiner Sendung, sondern die Erfüllung. JESUS selbst geht freiwillig in den Tod. Er nimmt freiwillig das Kreuz auf sich und Er gibt sein Leben freiwillig hin. Weil Er es will. Weil Er den Willen des VATERS erfüllen und den Kelch trinken will (vgl. Mk 14,36). Für den Hohepriester ist die Aussage JESU das, worauf er gewartet hat: Anlass, um JESUS zum Tode zu verurteilen. "Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben" (Mk 14, 63-64).

"Das Einreißen des Gewandes, das der Hohepriester vornimmt, geschieht nicht aus Erregung, sondern ist für den amtierenden Richter beim Anhören einer Gotteslästerung als Zeichen der Empörung vorgeschrieben" (Gnilka, Matthäusevangelium II, 429).

Über den Herrn bricht der ganze Spott und Hohn des Hohen Rates herein. Man schlägt und schmäht ihn, lässt ihn Verachtung und Hohn spüren.

"Der, vor dem sie die Tage zuvor noch Angst gehabt hatten, ist nun in ihrer Hand. Der feige Konformismus schwacher Seelen fühlt sich stark im Losgehen auf den, der nur noch Ohnmacht zu sein scheint. Sie merken nicht, dass sie gerade in der Verhöhnung und im Zuschlagen das Geschick des GOTTESknechtes an JESUS wörtlich erfüllen: Erniedrigung und Erhöhung greifen geheimnisvoll ineinander. Gerade als der Geschlagene ist er der Menschensohn, kommt er in der Wolke der Verhüllung von GOTT und richtet das Reich des Menschensohns, das Reich der von GOTT kommenden Menschlichkeit auf. ... Die Geschichte hindurch sehen Menschen auf das geschändete Antlitz JESU hin und erkennen gerade darin die Herrlichkeit GOTTES" (Josef Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth II, 206).

"Gleich in der Frühe fassten die Hohenpriester, die Ältesten und die Schriftgelehrten, also der ganze Hohe Rat, über JESUS einen Beschluss: Sie ließen ihn fesseln und abführen und lieferten ihn Pilatus aus" (Mk 15,1). Die Juden brachten JESUS zu Pilatus, da im Römischen Reich das Gesetz galt, demzufolge nur die römische Autorität ein Todesurteil fällen kann. Das spiegelt sich in der Antwort der Juden, als Pilatus sie aufforderte: "Nehmt ihr ihn doch, und richtet ihn nach eurem Gesetz! Die Juden antworteten ihm: Uns ist es nicht gestattet, jemand hinzurichten" (Joh 18,31).

Verleugnung durch Petrus

"Als Petrus unten im Hof war, kam eine von den Mägden des Hohenpriesters. Sie sah, wie Petrus sich wärmte, blickte ihn an und sagte: Auch du warst mit diesem JESUS aus Nazareth zusammen. Doch er leugnete es und sagte: Ich weiß nicht und verstehe nicht, wovon du redest. Dann ging er in den Vorhof hinaus. Als die Magd ihn dort bemerkte, sagte sie zu denen, die dabeistanden, noch einmal: Der gehört zu ihnen. Er aber leugnete es wieder ab. Wenig später sagten die Leute, die dort standen, von neuem zu Petrus: Du gehörst wirklich zu ihnen; du bist doch auch ein Galiläer. Da fing er an zu fluchen und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. Gleich darauf krähte der Hahn zum zweiten Mal, und Petrus erinnerte sich, dass JESUS zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen" (Mk 14, 66-72).

Wir haben bereits gesehen, wie vor allem der Evangelist Matthäus den Zusammenhang zwischen dem Selbstbekenntnis JESU als Messias und der Verleugnung durch Petrus, der ihn in Cäsarea Philippi zuerst als Messias bekannt hatte, hervorhebt. Im Markusevangelium geschieht es dadurch, dass nach der Verurteilung JESU durch den Hohen Rat Markus die dreimalige Verleugnung JESU durch Petrus berichtet. JESUS bekennt vor dem Hohen Rat, dass er der Messias, der Sohn GOTTES ist, und zur selben Zeit versichert Petrus zum dritten Mal, dass er nichts mit Jesus zu tun habe. "Gleich darauf krähte der Hahn zum zweiten Mal, und Petrus erinnerte sich..." (Mk 14,72).

Papst Benedikt schreibt dazu: "Der Hahnenschrei wurde als Zeichen für das Ende der Nacht angesehen: Er eröffnete den Tag. Auch für Petrus endet mit dem Krähen des Hahns die Nacht der Seele, in die er versunken war. Das Wort Jesu von seiner Verleugnung noch vor dem Hahnenschrei steht plötzlich wieder vor ihm - und nun in seiner schrecklichen Wahrheit. Lukas fügt noch die Nachricht hinzu, dass in diesem Augenblick der gefesselte und verurteilte Jesus abgeführt wird, um vor das Gericht des Pilatus geführt zu werden. Jesus und Petrus begegnen sich. Jesu Blick trifft die Augen und die Seele des untreuen Jüngers. Und Petrus 'ging hinaus und weinte bitterlich' (Lk 22,62)"

(Josef Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth II, 206).