Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
März 2013

Teil 9: JESUS vor Pilatus

"Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege." (Joh 18,37)

Vom Hohen Rat zu Pontius Pilatus

Im Verhör JESU vor dem Hohen Rat wurde JESUS der Blasphemie für schuldig befunden. Ein Ausgang, worauf der Hohepriester Kajaphas hingearbeitet hat, denn auf Blas­phemie stand nach jüdischem Gesetz die Todesstrafe. Da aber die "Blutgerichtsbarkeit", also die Vollstreckung des Todesurteils, den Römern vorbehalten war, musste der Prozess zur römischen Autorität gebracht werden, konkret zum römischen Statthalter Pontius Pilatus.

Wer war Pontius Pilatus?

Die Evangelien zeigen uns den römischen Präfekten Pontius Pilatus als einen Mann, der grausam einzugreifen wusste, wenn ihm dies der öffentlichen Ordnung wegen notwendig schien. Aber er war auch ein kluger Politiker, der wusste, dass Rom seine Weltherrschaft nicht zuletzt der Toleranz fremden Gottheiten gegenüber und der friedenstiftenden Kraft des römischen Rechts verdankte. So tritt er uns im Prozess JESU gegenüber.

Die Anklage, JESUS erkläre sich zum König der Juden, wog schwer. Rom konnte zwar durchaus regionale Könige - wie z.B. Herodes - anerkennen, aber sie mussten von Rom legitimiert sein und von Rom genau umschriebene bzw. begrenzte Hoheitsrechte erhalten. Ein König ohne diese Legitimität wäre also ein Aufrührer, der die Pax Romana (den Frieden im Römischen Reich) bedrohte und damit des Todes schuldig war.

Pilatus war nicht dumm oder einfältig. Er hat von Anfang an durchschaut, dass von JESUS keine echte Gefahr für das Römische Reich ausgeht. Er hatte sich informiert und konnte in JESUS vielleicht einen religiösen Schwärmer oder Träumer sehen, der die jüdische Glaubensordnung verletzt hat, aber das ging ihn nichts an. Das mussten die Juden unter sich klären.

Das Verhör durch Pilatus

Um die Juden zufrieden zu stellen, ging Pilatus auf ein Verhör ein, das ihn letztlich aber soweit brachte, dass er JESUS aus Feigheit verurteilte.

Auf die Frage des Pilatus "Also bist du ein König?" antwortet JESUS: "Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme" (Joh 18,37). Vorher schon hatte JESUS gesagt: "Mein Königtum (Reich) ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich nicht den Juden ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier" (18,36).

Mit diesem Bekenntnis änderte sich mit einem Schlag alles für Pilatus. Was soll er von diesem Begriff eines Reichs und eines Königtums halten? Ist es ein reales Reich oder eine Utopie, die man übergehen kann? JESUS verwendet in seinem Be­kennt­nis den Begriff Wahrheit. Ja, er definiert als Wesen seines Königtums das "Zeugnis für die Wahrheit". Pilatus musste sich fragen: Ist Wahrheit eine politische Kategorie? Hat das "Reich" JESU mit Politik zu tun? Welcher Ordnung gehört es dann an? Wenn JESUS sein Königtum auf Wahrheit gründet, fragt der Pragmatiker Pilatus durchaus berechtigt: "Was ist Wahrheit?" (18,38).

Papst Benedikt zitiert im zweiten Band seiner JESUS-Trilogie in diesem Zusammenhang den hl. Thomas von Aquin: "GOTT ist 'ipsa summa et prima veritas - die höchste und erste Wahrheit selbst' (S. theol. I q. 16 a. 5 c). Mit dieser Formel sind wir in der Nähe dessen, was JESUS sagen will, wenn er von der Wahrheit spricht, für die zu zeugen er in die Welt gekommen ist. ... Die Welt ist "wahr", insoweit sie GOTT, den schöpferischen Sinn, die ewige Vernunft, spiegelt, aus der sie gekommen ist. Und sie wird umso wahrer, je mehr sie sich GOTT annähert. Der Mensch wird wahr, wird er selbst, wenn er gottgemäß wird. Dann kommt er zu seinem eigentlichen Wesen. GOTT ist die Sein und Sinn gebende Wirklichkeit. ... 'Für die Wahrheit Zeugnis geben' heißt also, GOTT und seinen Willen den Interessen der Welt und ihren Mächten gegenüber zur Geltung zu bringen. GOTT ist der Maßstab des Seins. In diesem Sinn ist die Wahrheit der wirkliche 'König', der allen Dingen ihr Licht und ihre Größe gibt." (Josef Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth II, 216)

Für Pilatus ist nach dem Verhör noch klarer: Dieser JESUS ist kein politischer Aufrührer, er ist keine Gefahr für die römische Herrschaft. Ob er gegen das jüdische Gesetz verstoßen hat, geht ihn, den Römer, nichts an. Aber dem Schlussentscheid geht noch ein dramatisches und schmerzhaftes "Zwischenspiel in drei Akten" voraus, wie es Papst Benedikt XVI. nennt.

Die Pascha-Amnestie

Der erste Akt besteht darin, dass Pilatus JESUS als einen Kandidaten für die sogenannte Pascha-Amnestie vorstellt. Er hofft, dass er JESUS dadurch freilassen kann. Ob er nicht daran gedacht hat, das eigene und damit das Schicksal JESU erst recht zu besiegeln, oder ob er dieses Risiko in Kauf nahm, wissen wir nicht. Denn: Wer als Kandidat für die Amnestie angeboten wird, ist an sich ja schon verurteilt! Nur so hat die Amnestie Sinn. Ungewollt oder hoffend, dass niemand es merkt, stellt Pilatus JESUS als bereits verurteilt hin. Der Menge kommt das sogenannte "Akklamationsrecht", d.h., nach ihrem Zuruf ist derjenige als verurteilt anzusehen, den sie nicht gewünscht hat. Und durch die Gerissenheit der jüdischen Tempelgewalt, die die Menge aufhetzte, kam es schließlich auch so, dass die Menge die Kreuzigung JESU forderte.

Die Geißelung

Den zweiten Akt fasst Johannes lakonisch in dem Satz zusammen: "Da nahm Pilatus JESUS und geißelte ihn" (19,1). Geißelung war die Strafe, die im römischen Strafrecht als Begleitstrafe des Todesurteils vorgenommen wurde. Bei Johannes dagegen war sie ein Akt während des Verhörs. Der Präfekt ist aufgrund seiner politischen Gewalt ermächtigt zu dieser äußerst barbarischen Strafe. Der Verurteilte wurde "von mehreren Folterknechten so lange geschlagen, bis diese ermüdeten und das Fleisch des Delinquenten in blutigen Fetzen herabhing" (Blinzler, S. 321). Rudolf Pesch bemerkt dazu: "Dass Simon von Kyrene JESUS den Kreuzesbalken tragen muss und dass JESUS so schnell stirbt, wird wohl mit Recht mit der Tortur der Geißelung in Zusammenhang gebracht, bei der andere Delinquenten bereits starben" (Markusevangelium II, S. 467).

Die Dornenkrönung

Der dritte Akt ist die Dornenkrö­nung. Die Soldaten treiben ihr grausames Spiel mit JESUS. Er, der ein König sein will, ist in ihren Händen. Sie demütigen und quälen ihn. Sie legen ihm, dem am ganzen Körper Zerschlagenen und Verwundeten, in karikierender Form die Zeichen kaiserlicher Majestät um: den purpurnen Mantel, die aus Dornen geflochtene Krone und das Zepter aus Schilf. Sie huldigen ihm: "Sei gegrüßt, König der Juden"; doch ihre Huldigung besteht aus Schlägen, mit denen sie noch einmal ihre ganze Verachtung für ihn zeigen (vgl. Mt 27,28ff; Mk 15,17ff; Joh 19,2f).

Ecce homo

Als diese Spottgestalt wird JESUS zu Pilatus geführt, und Pilatus stellt ihn der Menge - der Menschheit - vor: "Ecce homo - seht den Menschen" (Joh 19,5). Der römische Richter ist wohl erschüttert über die geschlagene und verhöhnte Gestalt des Angeklagten. Er zählt auf das Mitleid derer, die ihn sehen. Papst Benedikt XVI sagt dazu: "'Ecce homo' - das Wort erhält von selbst eine über den Augenblick hinausreichende Tiefe. In JESUS erscheint der Mensch überhaupt. In ihm erscheint die Not aller Geschlagenen, Zerschundenen. In seiner Not spiegelt sich die Unmenschlichkeit menschlicher Macht, die den Macht­losen so niedertritt. In ihm spiegelt sich, was wir Sünde nennen: wie der Mensch wird, wenn er sich von GOTT abwendet und die Weltherrschaft selbst in die Hände nimmt.

Aber auch das andere gilt: Seine innerste Würde kann JESUS nicht genommen werden. Der verborgene GOTT bleibt in ihm gegenwärtig. Auch der geschlagene und erniedrigte Mensch bleibt Bild GOTTES. Seit JESUS sich schlagen ließ, sind gerade die Verwundeten und Geschlagenen Bild des GOTTES, der für uns leiden wollte. So ist JESUS mitten in seiner Passion Bild der Hoff­nung: GOTT steht auf Seiten der Leidenden." (Jesus von Nazareth II, 223)

Die Verurteilung

Am Ende setzt sich Pilatus auf den Richterstuhl. Noch einmal sagt er: "Seht euren König!" (Joh 19,14). Dann spricht er das Todesurteil.

Zwar war ihm die große Wahrheit, von der JESUS gesprochen hatte, unzugänglich. Aber die konkrete Wahrheit dieses Falls kannte er genau. Er wusste, dass dieser JESUS kein politischer Verbrecher war und dass das von ihm beanspruchte Königtum keine politische Gefahr darstellte - dass er also freizusprechen war. Aber: Eine Freisprechung des Unschuldigen konnte nicht nur ihm persönlich Schaden bringen - die Furcht davor war ein entscheidendes Motiv seines Handelns - sie konnte auch weiteren Ärger und Unruhen hervorrufen, die gerade in den Pascha-Tagen vermieden werden mussten.

Der (falsche) Friede ging ihm in diesem Fall über Gerechtigkeit und Wahrheit. Nicht nur die große, unzugängliche, sondern auch die konkrete Wahrheit des Falls musste zurücktreten. So hat er vielleicht sein Gewissen beruhigt. Im Augenblick schien alles gut zu gehen. Jerusalem blieb ruhig. Aber dass der Friede letztlich nicht gegen die Wahrheit geschaffen werden kann, sollte sich später zeigen.