Die "Passio Domini" im Opus Angelorum
September 2013

Im letzten Rundbrief haben wir gesehen, wie sehr jeder Freitag in unsrer Spiritualität geprägt ist von Stille, Sammlung, Einkehr und Gebet. Ganz besonders ist er aber vom Gebet des Kreuzweges bzw. der Betrachtung der letzten Worte JESU am Kreuz geprägt. So heißt es in den Statuten des Opus Angelorum, Nr. 27: Die Mitglieder betrachten den Kreuzweg des Herrn und halten nach Möglichkeit eine Zeit zwischen 12 und 15 Uhr (vgl. Mt 27,45-50; Joh 19,23-30) zum Gebet frei, vorzugsweise in der Todesstunde des Herrn gegen 15 Uhr. Sie widmen sich - unter Wahrung der Standespflichten - eine angemessene Zeit der Betrachtung des Gekreuzigten (Sieben Worte) und der Fürbitte.

Die Kreuzesstunden im OA

Nach Möglichkeit ist es angebracht, dass der Kreuzweg in den "Kreuzesstunden" gebetet werden - aber nicht alle haben diese Möglichkeit. Die Standespflichten als Mutter, Vater, Ehemann oder -frau, Priester und auch andere, berufliche Pflichten hindern uns oft daran. Dennoch soll es uns ein Herzensanliegen den Kreuzweg zu beten, weil wir dadurch die Liebe des Herrn Woche für Woche immer mehr und immer tiefer erfassen können. Und diese Liebe macht auch erfinderisch. Viele Mitglieder halten zur Todesstunde des Herrn - am Freitag um 15.00 - kurz inne und sprechen ganz im Verborgenen, in ihrem Herzen ein kurzes Stoßgebet - ohne dass es jemand aus der Umgebung merkt. Dadurch wird unser Herz zu GOTT erhoben und wir werden seiner Liebe, die sich sterbend am Kreuz offenbart, gewahr. Mancherorts läuten ja auch noch die Kirchenglocken zur Todesstunde des Herrn.

Für die meisten Mitglieder wird es wohl möglich sein, den Kreuzweg am Freitag zu beten - wenn nicht in den eigentlichen Kreuzesstunden, dann vielleicht am Abend oder zu einer anderen Zeit. Der Heilige Vater betet z.B. jedes Jahr am Karfreitag den Kreuzweg am Abend im Kolosseum. Nichts offenbart uns die Liebe GOTTES so sehr als ein Blick auf das Kreuz. Und wenn wir noch so viele Bücher über die Liebe GOTTES lesen würden - das Kreuz sagt uns alles über diese unendliche, verzeihende, barmherzige und schöpferische Liebe GOTTES.

Das Kreuz - Offenbarung der Liebe GOTTES

Im Katechismus der katholischen Kirche steht in diesem Zusammenhang ein vielsagender Satz (478): "JESUS hat während seines Lebens, seiner Todesangst am Ölberg und seines Leidens uns alle und jeden einzelnen gekannt und geliebt und sich für jeden von uns hingegeben: Der "Sohn GOTTES" hat "mich geliebt und sich für mich hingegeben" (Gal 2, 20)." Er hat uns alle mit einem menschlichen Herzen geliebt."

Bin ich mir bewusst, dass der Herr all dieses unaussprechliche Leid von der Todesangst am Ölberg bis hin zur GOTTverlassenheit am Kreuz für mich persönlich auf sich genommen hat? Dass Er "Ja" gesagt hat zum Leiden für mich, dass Er "mich geliebt und sich für mich hingegeben hat" (Gal 2,20)? Jeder im OA kann und soll dieses: "für mich" ganz persönlich sagen und im Herzen erwägen. Jesus hat mich mit einem menschlichen Herzen geliebt und es war seine freie Entscheidung der Liebe für mich zu leiden, um mich zu erlösen vom Tod der Sünde, vom ewigen Tod, von der ewigen Verdammnis.

So heißt es im Statut des OA: "Das Kreuz ist 'der Überfluss der Liebe GOTTES, die auf diese Welt überströmt' (VC 24). In diesem Zeichen und Werkzeug unserer Erlösung wurden wir mit GOTT versöhnt (Eph 2,16), Der in CHRISTUS alles vereinen will, was im Himmel und auf Erden ist (vgl. Eph 1,10; Kol 1,20). Darum steht das Kreuz in der Mitte des Werkes, der Gemeinschaften und des Lebens der Mitglieder. Jeder soll ein kleines Kreuz bei sich tragen, mit dem Kreuz segnen und abschirmen.

Unser Herr JESUS CHRISTUS hat uns durch sein Leiden und seinen Tod am Kreuz erlöst. Deshalb ist das Kreuz vielmehr Symbol des Heiles und des Lebens als Symbol des Leidens und des Todes.

Mit dem Herrn "mitgehen"

Das Beten bzw. die Betrachtung des Kreuzweges oder auch der sieben Worte JESU am Kreuz ist für uns im OA also viel mehr als "nur" Gebet: Es ist ein "Mitgehen mit dem Herrn", ein "Mitfühlen mit dem Herrn", ein "Mitleiden mit dem Herrn", ein "Mitsühnen mit dem Herrn" - ja letztlich, Woche für Woche, ein "Mitsterben mit dem Herrn". Der heilige Papst Leo der Große sagt, dass "das Leiden des Herrn bis zum Ende der Welt dauert" (Hl. Leo der Große, Sermo 70, 5). Das spiegelt sich in der bekannten Meditation des Philosophen Pascal über die Agonie JESU wieder:

"CHRISTUS wird im Todeskampf bis zum Ende der Welt verweilen. Während dieser Zeit dürfen wir nicht schlafen. Dann wird JESUS zu uns sagen: Ich dachte an dich in meiner Agonie: Jene Blutstropfen habe ich für dich vergossen. Willst du mein Blut empfangen, ohne dass du eine Träne vergießt?

Ich habe für dich alles getan ... Niemand würde für dich sterben in der Zeit deiner Untreue, so wie ich es für dich getan habe und so wie ich bereit bin, es in meinen Auserwählten und im Allerheiligsten Sakrament zu wiederholen" (B. Pascal, Gedanken, 553).

Der Herr setzt Seine Passion bis zum Ende der Zeiten in der Kirche fort. Als Glieder seines Mystischen Leibes, der Kirche, und insbesondere als Mitglieder im Werk der heiligen Engel, sind wir gerufen, Ihn in Seinem Leiden zu begleiten: "Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?" (Mt 26,40) fragt auch uns der Herr. Der selige Papst Johannes Paul II bemerkt dazu:

Irgendwo vernimmt die ganze Kirche die gleichen Worte weiterhin: sie akzeptiert den Vorwurf, den CHRISTUS Seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes gemacht hat, wie wenn er an sie gerichtet wäre, und sucht die verschlafene Stunde, während der JESUS in Getsemani allein gelassen wurde, mit ihrer Gegenwart zu füllen.... Der Herr JESUS gestattet uns, mit Ihm zusammen zu sein in jener Stunde... und lädt uns wie damals ein, am Gebet Seines Herzens teilzunehmen... Wie bedeutungsvoll wird dann diese Aufforderung: "Wacht..., damit ihr nicht in Versuchung geratet!" CHRISTUS überträgt jene Stunde der Prüfung, die immer auch Prüfung für Seine Jünger und Seine Kirche ist, auf uns." (K.Wojtyla-Johannes Paul II, Zeichen des Widerspruchs, Herder, 1979, S.173)

Genau das gilt auch für das wöchentliche Mitgehen mit dem Herrn auf seinem Kreuzweg. Wenn wir GOTT wirklich und ohne Vorbehalte lieben, dann gehen wir mit ihm Woche für Woche den Kreuzweg. Dann verbringen wir die Kreuzesstunden - nach Möglichkeit - betend, anbetend, schweigend, betrachtend. In diesen Stunden liegen große heilsgeschichtliche Worte und Taten: Die Fürbitte JESU für seine Feinde, die Verheißung an den guten Schächer, das Testament JESU an seine Mutter MARIA und seinen Liebesjünger Johannes, der Durst JESU um die Rettung der Seelen - und schließlich die in Sühne für unsere Sünde übernommene Gottesverlassenheit.

Wir dürfen dankbar sein, dass wir im Werk der hl. Engel in besonderer Weise gerufen sind, am Donnerstagabend mit dem Herrn zu wachen und am Freitag mit MARIA und Johannes unter dem Kreuz auszuharren. Dann wird er eines Tages nicht zu uns sagen müssen, wie es der Psalmist vorausgesagt hat: "Umsonst habe ich auf Mitleid gewartet, auf einen Tröster, doch ich habe keinen gefunden" (Ps 69,21). Im Gegenteil, dann dürfen wir im Herzen das Wort, das alles entlohnt, hören: "Das habt ihr mir getan" (Mt 25, 40).

In dieser Haltung dürfen wir jede Woche den Kreuzweg mitgehen und erleben. Unterlassen wir nie, den Kreuzweg mit dem Herrn zu gehen. Wenn wir jetzt bei Ihm sind, so wird Er uns zu sich rufen, wenn der Kreuzweg unseres Lebens in die Auferstehung und in das Einssein mit Gott übergegangen ist.

Papst Franziskus hat beim Weltjugendtagskreuzweg in Rio de Janeiro ebenfalls hervorgehoben, dass der Kreuzweg vielmehr ein "Mitgehen" ist, als "nur" ein Gebet. So sagte er schon zu Beginn seiner Ansprache beim traditionellen Kreuzweg (27.7.2013):

Liebe junge Freunde, wir sind heute hierher gekommen, um Jesus auf seinem Weg des Schmerzes und der Liebe zu begleiten, auf dem Kreuzweg.

Und am Ende des Kreuzweges: Viele Gesichter haben wir auf dem Kreuzweg gesehen, viele Gesichter haben JESUS auf dem Weg zum Kalvarienberg begleitet: Pilatus, Simon von Zyrene, MARIA, die Frauen – Ich frage dich heute: Wer von diesen möchtest du sein? Willst du wie Pilatus sein, der nicht den Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen, um das Leben JESU zu retten, und der seine Hände in Unschuld wäscht? Sag mir: Bist du einer von denen, die ihre Hände in Unschuld waschen, bist du einer, der sich dumm stellt und zu Seite schaut? Oder bist du wie Simon von Zyrene, der Jesus hilft, den schweren Balken zu tragen, wie MARIA und die anderen Frauen, die keine Angst haben, JESUS bis zum Ende zu begleiten, mit Liebe und mit Zärtlichkeit. Und du, wie möchtest du sein? Wie Pilatus, wie Simon von Zyrene, wie Maria?

JESUS blickt dich jetzt gerade an und sagt dir: Willst du mir das Kreuz tragen helfen? Lieber Bruder, liebe Schwester: Was antwortest du ihm?