Die Prüfung und Scheidung der Engel - Teil 1
Juni 2005
 
Um dem Thema, das in der Überschrift genannt ist, auf den Grund zu gehen, müssen wir ganz weit zurückdenken, bis an den Anfang der Zeiten.

Gerade erst waren die Engel in unvergleichlicher Schönheit, Vollkommenheit und Kraft aus der Schöpfermacht Gottes hervorgegangen. Zu diesem Augenblick der Schöpfungsgeschichte sagte Papst Johannes Paul II. in seinen Engel Katechesen von 1986:

In der Vollkommenheit ihrer Geist Natur sind die Engel von Anfang an, kraft ihres Intellektes dazu berufen, die Wahrheit zu erkennen und das Gute zu lieben, das sie in viel umfassenderer und vollkommenerer Weise, als dies dem Menschen möglich ist, in der Wahrheit erkennen. Diese Liebe ist ein freier Willensakt, auf Grund dessen auch für die Engel ihre Freiheit die Möglichkeit in sich schließt, eine Entscheidung für oder gegen das Gute, das sie erkennen, also für oder gegen Gott selbst, zu treffen. Es muss hier wiederholt werden, was bereits in bezug auf den Menschen gilt: Mit der Erschaffung freier Wesen wollte Gott, dass sich in der Welt jene wahre Liebe verwirkliche, die einzig und allein auf der Grundlage der Freiheit möglich ist. Gott wollte also, dass das nach seinem Bild und Gleichnis geformte Geschöpf Ihm, der ‚die Liebe‘ ist (1Joh 4,16) , möglichst vollkommen ähnlich werden könne“ (2. Katechese, 1) .

Papst Johannes Paul II. führte weiter aus, „dass die reinen Geister – wie später die Menschen“ – um sich dieser Liebe öffnen und sie dann leben zu können, „einer moralischen Prüfung unterworfen worden sind. Dabei ging es um eine Entscheidung vor allem im Hinblick auf Gott selbst, der von den reinen Geist Wesen seinem Wesen nach stärker und unmittelbarer erkannt wurde, als dies dem Menschen möglich ist.“ In dieser Prüfung „scheiden sich die reinen Geister, wie die Offenbarung deutlich sagt, in gute und böse. Diese Scheidung ist jedoch nicht durch Gottes Schöpfungstat bewirkt worden, sondern auf Grund der Freiheit der Geist Natur, die einem jeden dieser rein geistigen Wesen zu eigen ist. Diese
Scheidung wurde bewirkt durch die Entscheidung, die bei den rein geistigen Wesen einen unvergleichlich radikaleren Charakter besitzt und unwiderruflich, d.h. nicht rückgängig zu machen ist in Anbetracht des hohen Grades von intuitiver Erkenntnis und Durchdringung des Guten, womit der Verstand dieser Geist Wesen ausgestattet ist.“ (2. Katechese, 2)

Wenn wir zu unserem Thema die Heilige Schrift zu rate ziehen, müssen wir ganz vorne beginnen. Da heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1) .Wie das IV. Laterankonzil lehrt, ist mit „Himmel“ die Welt der reinen Geister gemeint, mit „Erde“ die materielle, stoffliche Welt.


Dann geht es weiter: „ Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis“ (Gen 1,3f) . Bei diesem „Licht“ geht es nach der Auslegung der Kirchenväter (z.B. heiliger Augustinus, de civ. Dei XI,9) nicht um die Himmelsleuchten wie Sonne, Mond und Sterne, die ja erst am vierten Schöpfungstag genannt werden, sondern bei diesem „Licht“ und der „Finsternis“ am ersten Schöpfungstag ist die Scheidung der Engel in gute und böse gemeint.


Was war nun aber, näher betrachtet, der Gegenstand der Prüfung der reinen Geister, welche zur Scheidung in gute und böse Engel führte? Wie konnte es kommen, dass sich einige Engel von Gott abwandten? Darüber gibt uns unter anderem das letzte Buch der Heiligen Schrift, die Offenbarung des heiligen Apostels Johannes Auskunft: In diesem Buch wird die ganze Heilsgeschichte in einer apokalyptischen Sprache beschrieben. Das Ereignis, das in diesem Brief unser besonderes Interesse ist, finden wir im zwölften Kapitel. Dass es bei dieser Vision auch um die Engelprüfung geht, beweist der anschließende „Kampf im Himmel“ (Offb 12,7) , der ja am Anfang der Zeit entschieden und beendet worden ist. Dieser Kampf ist bereits Auswirkung der Engelprüfung. Er entbrennt in dem Augenblick, als sich die Engel – auf beiden Seiten – entschieden haben. Was aber geht diesem Kampf voraus?


Wir lesen in Offb 12,1-3: „Ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, mit der Sonne umkleidet, der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen. Sie war gesegneten Leibes und schrie in Wehen und Schmerzen des Gebärens.“


Wenn hier „am Himmel“ übersetzt wird, so ist das höchstens die Perspektive des Sehers. Aber was geschieht, das spielt sich „im Himmel“ ab, wie die lateinische Übersetzung, die „Vulgata“ angibt: dort wird der Tempel Gottes geöffnet und „erscheint“ die Bundeslade (Offb 11,19) . In dieser Form hat Gott wohl am Anfang der Zeit den Engeln seinen Willen kundgetan. Und dies erfolgte weniger im Wort, das den Menschen eigen ist, als vielmehr im Bild, oder Zeichen, wie es dem Erkennen und der Verständigung der reinen Geister entspricht. Gott offenbarte ihnen, was geschehen wird in der Zeit – was aber in der Ewigkeit Gottes bereits gegenwärtig war und immer Gegenwart ist. Wir müssen uns nun vor Augen halten, dass der Engel von ungleich durch dringenderer Erkenntniskraft ist als wir Menschen, die wir so „schwer von Begriff“ sind. Er konnte also im Nu aus diesem „Zeichen“ erschauen, was wir Menschen nachträglich aufgrund der erfolgten Gottesoffenbarung in Wort und Geschichte erst mühsam zusammensetzen: Die Frau: ein neues Geschöpf also, das es damals noch nicht gab, nämlich den Menschen; diese Frau ist mit der Sonne umkleidet, d.h. von Gott bzw. Christus umhüllt, ihm als Braut verbunden von ihrer Unbefleckten Empfängnis an, welche Gnadenfülle sie bereits über alle Geschöpfe erhob, auch über die Engel, die als Sterne ihr Haupt krönen. (zu „Stern“ als Bild des Engels siehe Offb 1,20 – „die sieben Sterne sind die sieben Engel der Gemeinden“).
Dann das Kind in ihrem Schoß, von ihr geboren als „Sohn, der über alle Völker ... herrschen wird“ (Offb 12,5b) .


Dabei ist die Frau sowohl Maria, die Christus gebiert, wie auch die Kirche als Mutter aller durch Christus erlösten Menschen. Es liegt also in diesem Zeichen der Wille Gottes zum Menschen als neuem Geschöpf, zu Maria, zur Menschwerdung seines Sohnes, zur Erlösung der Menschen, zur Kirche und noch zu vielem anderen, was wohl die Engel am Anfang erkennen konnten. Der erst erschaffene Engel mit der höchsten Erkenntniskraft hat am meisten und hat als erster von allen erkannt und begriffen, worum es ging. Er, Luzifer, hat sich auch als erster entschieden, und zwar dagegen: „Ein anderes Zeichen erschien am Himmel“ (Offb 12,3a): Die Willenskundgabe des Engels erfolgt nicht als menschlich gesprochenes Wort, sondern wiederum auf Engelweise. Deshalb nimmt sie der Seher ebenfalls als „Zeichen“ wahr, und zwar als Gegen-Zeichen eines Geschöpfes, das durch den Widerspruch gegen seinen Schöpfer aus der Wahrheit und Würde des eigenen Geschöpf-Seins fällt. Das Ebenbild Gottes pervertiert zum Untier, das symbolhaft den Widersacher kennzeichnet für immer: „ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern ... Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab“. (Offb 12.3b-4)


Der Widersacher sammelt bereits seinen Anhang, da er, der höchste Engel, untergeordnete Engel in seinen Widerspruch mit hineinzieht, allerdings die geringere Anzahl („ein Drittel“). Hier ist bereits jener Widerspruch gegen die Wahrheit vollzogen, welcher den Widersacher zum „Vater der Lüge“ macht, wie Jesus ihn dann in Seinen Reden nennt (Joh 8,44) . Der Gegenstand des Widerspruchs ist letztlich Christus, den Simeon prophetisch „Zeichen des Widerspruchs“ nennt (Lk 2,34) : Nicht nur der ungläubige Mensch, auch der ungetreue Engel widerspricht diesem „Zeichen“. Er widerspricht dem Plan, den Gott in Jesus Christus ausführen will.


Dieser Widerspruch hat sogleich geschichtliche Folgen. Schon damals, „von Anfang an“, ist der Widersacher Gottes zum „Menschenmörder“ geworden, auch dies ist ein Wort Jesu über den gestürzten Engel (Joh 8,44) . Diese Aussage wird in ihrem ursprünglichen Sinn erhellt durch Offb 12,4b: „Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war.“

Wenn auch die Frau, Maria, erst in der Fülle der Zeit gebiert, so ist doch die Absicht des Widersachers von Anfang an festgestanden: den menschgewordenen Sohn Gottes zu töten. Deshalb werden die ersten Menschen verführt, wird Herodes getrieben, die Kinder umzubringen, - um Christus Selber zu treffen. Sein Kreuzestod ist schließlich das Werk des Widersachers, wie Jesus Selber bezeugt (Joh 14,30; Lk 22,53) und nach Ihm die Apostel (z.B. Apg 2,17; 1 Kor 2,8) . Luzifer erreicht sein Ziel nicht, denn: Das Kind der Frau „wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt“ (Offb 12,5b) , ein Hinweis auf die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu.

(Fortsetzung folgt)